im Entstehen

Pathographische Analyse von Vincent van Gogh und deren Bedeutung

Toshiko SUZUKI und Takeshi MATSUISHI

Yokohama National University, Fakultät für Erziehung und Humanwissenschaften,
Abteilung für Heilpädagogik
       

Einleitung

Unter Pathografie versteht man einen Bereich der Wissenschaft, der sich mit der Beziehung zwischen historisch bedeutenden Persönlichkeiten, die Außerordentliches für die Menschheit geleistet haben, und psychischen Krankheiten befasst. Im Allgemeinen findet die Pathografie in unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Literatur und Politik Anwendung. In unseren Untersuchungen konzentrieren wir uns auf die Pathografie von Vincent Van Gogh, der oftmals als Genie angesehen wird.

Welches Bild haben wir von Vincent van Gogh und seinen Werken? Einige stellen vielleicht einen direkten Bezug zur Welt der Arbeiterklasse her, wie sie in dem Gemälde „Kartoffelesser“ porträtiert wurde, während andere sich einfach das helle Tageslicht in Arles vorstellen, wie es in dem Bild „Sonnenblumen“ eingefangen wurde.

Das vorherrschende Bild, das die meisten von uns besonders hinsichtlich der späteren Werke von Van Gogh haben, ist jedoch von den psychischen Problemen geprägt, unter deren Einfluss sich van Gogh sein eigenes Ohr abgeschnitten hat und schließlich in eine Anstalt eingeliefert wurde. Diese Ereignisse haben einige Wissenschaftler veranlasst, van Goghs Geisteszustand zu analysieren, indem sie seine Werke aus pathografischer Sicht untersuchen, während andere Forscher zu ergründen versuchten, welchen Einfluss sein Geisteszustand auf seine Kunst hatte.

Einige bleiben dabei vorsichtiger und weisen „diagnostische Ansätze“ bei der Bewertung von van Goghs Werken zurück. Sie wenden mehr eine positivistische Analyse an, ziehen dabei van Goghs eigene Worte zur Unterstützung heran und gehen von der Prämisse aus, dass Van Goghs Werke nur seine ureigene Auffassung von der Kunst repräsentieren.

Der erste Schritt bei dieser analytischen Untersuchung besteht darin, zwei der bekanntesten pathografischen Studien, die von Psychiatern erstellt wurden, zu untersuchen. In der ersten Studie stellte Karl Jaspers, auch ein bekannter Philosoph, die Diagnose, dass van Gogh an Schizophrenie litt. Die zweite Studie stammt von Manfred in der Beeck, der durch klinische Forschung an seinen eigenen Patienten zu der Diagnose gelangte, dass van Gogh Epileptiker war. Darüber hinaus werden wir uns mit der nicht-pathografischen Sichtweise von Kurt Badt auf van Goghs einzigartiges Farbkonzept befassen, das durch van Goghs eigene Schriften gestützt wird. Zum Schluss bewerten wir anhand der Ansichten der genannten Wissenschaftler, welchen Beitrag die Anwendung pathografischer Methoden zum Verständnis von van Goghs Werken leistet.

Kapitel 1   

Karl Jaspers versucht, die Auswirkungen von van Goghs Geisteszustand auf seine Gemälde herauszufinden, indem er untersuchte, welche Aspekte in seinen Lebensbedingungen, Aufzeichnungen und Gemälden sich im Laufe der Zeit geändert haben, und indem er seinen Zustand vor und nach dem „Vorfall mit dem Ohr“ am 23. Dezember 1888 verglich. Laut Jaspers lassen sich in van Goghs Werken vor allem Änderungen in der Maltechnik nachweisen, weil die in den Gemälden nach 1888 verwendeten Formen stärker zerstückelt sind und die Farbgebung kalt und grell wurde. Auch verzerrte Perspektiven sind zu finden. Jaspers weist darauf hin, dass der zeitliche Verlauf dieser Änderungen mit dem Krankheitsverlauf korreliert. Jaspers unternimmt keinen Versuch, in van Goghs Schriften Belege für psychotische Elemente zu finden, sondern legt lediglich nahe, dass in seinen Aufzeichnungen nach seiner Krankheitsphase drastische Änderungen nachweisbar sind.

Im Hinblick auf den Geisteszustand, der im Jahre 1888 und danach zu tiefgreifenden Änderungen in Van Goghs Leben führte, weist Jaspers die Einschätzungen der Psychiater zurück, die van Gogh zu dessen Lebzeiten diagnostiziert haben, und behauptet, dass es bei dieser Diagnose überhaupt keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass van Gogh an Epilepsie, epileptischen Anfällen oder epileptischer Demenz litt. Jaspers deutet die Möglichkeit an, dass van Gogh an einer allgemeinen Parese erkrankt war, die durch eine gewisse Kargheit in seinem letzten Gemälde und in einer persönlichen Äußerung van Goghs zum Ausdruck kam, aus der hervorging, dass er seine Hände nicht mehr vollständig unter Kontrolle hatte. Er hält es jedoch für wahrscheinlicher, dass van Gogh eher an Schizophrenie als an allgemeiner Parese litt, und gab zu bedenken, dass van Gogh trotz seines psychotischen Zustands über lange Zeit eine hinreichende Entscheidungsfähigkeit und Selbstkontrolle aufrecht erhalten konnte.

Kapitel 2

Manfred in der Beeck weist Jaspers' Schizophreniediagnose für van Gogh zurück und hebt hervor, dass zu damaliger Zeit der Begriff der Schizophrenie noch neu und unausgewogen war und dass die Schlussfolgerung von Jaspers nicht klar begründet sei. Stattdessen bescheinigte Beeck nach dem Studium der Zeichnungen seiner eigenen Epilepsiepatienten, die dieselben strukturelle Elemente wie die späteren Werke von van Gogh aufweisen, van Gogh eine epileptoforme Anfallssymptomatik.

Beeck untersucht van Goghs Geisteszustand in drei Schritten. Im ersten Schritt diagnostiziert er für Van Gogh hypothetisch eine epileptoide Krankheit und stützt sich dabei auf „Körperbau und Charakter“ von Ernst Kretschmer. Anschließend setzt Beeck Van Goghs Arbeiten aus dem Jahre 1889 mit der „visuellen Aura“ in Zusammenhang, die mit Anfangssymptomen von Epilepsie assoziiert ist. Charakteristisch für diese Aura sind verschwommene Flächen oder flammenartige imaginäre Objekte, die das Gesichtsfeld kreuzen, oder auch halluzinatorische Visionen, die funkelnden Bildern in einem Kaleidoskop ähneln. Beeck führt an, dass die Bilder, die eine seiner Epilepsiepatientinnen gemalt hat, um ihre visuelle Aura zum Ausdruck zu bringen, identische Merkmale mit van Goghs späteren Werken aufweist, und leitet daraus ab, dass van Gogh ebenfalls an Epilepsie litt. Im dritten Schritt sucht er nach typischen Unterschieden zwischen Bildern von schizophrenen Patienten und Bildern von Epilepsiepatienten. Bilder, die von an Schizophrenie erkrankten Patienten stammen, sind im Allgemeinen durch das Fehlen eines Raumkonzepts, verzerrte Formen, eine vage räumliche Verteilung und Farben, die einen kalten Eindruck hinterlassen, gekennzeichnet. Die Motive tendieren dazu, das Ende der Welt oder die nächste Welt darzustellen. Epilepsiepatienten hingegen fühlen sich zu den Details in jedem vorhandenen Raum hingezogen und erkennen, dass Raum endlich ist. Im Vergleich zu den Bildern der Schizophreniepatienten sind die Objekte in der Regel realistischer dargestellt. Aus diesen Beobachtungen schließt Beeck, dass van Goghs Gemälde epileptische Züge tragen.

Kapitel 3

Nachdem wir die von den beiden oben erwähnten Psychiatern durchgeführten pathografischen Analysen diskutiert haben, widmen wir uns nun einer Perspektive, die im Widerspruch zur pathografischen Methode steht, und wenden uns Kurt Badts Theorie über van Goghs Farbverwendung zu. Badt unterteilte van Goghs Künstlerkarriere in vier getrennte Phasen und orientierte sich dabei an den Änderungen der von ihm gewählten Farbgebung. Folgende Phasen wurden identifiziert: Die Holländische Periode, die Pariser Periode, die Periode in Arles und die späten Jahre. Wir werden hier nur van Goghs Farbverwendung in seinen letzten Jahren untersuchen, weil dieser Zeitraum von den beiden o. g. Psychiatern als bedeutsam betrachtet wurde. Van Goghs Farbgebung in seinen letzten Jahren ist stark von Eugène Delacroix (1798–1863) beeinflusst, der das Farbkonzept in der Kunstwelt mit seiner berühmten „Delacroix-Farbe“ revolutionierte und damit einen starken Einfluss auf viele Maler ausübte. Badt weist darauf hin, dass die Nutzung kontrastierender Komplementärfarben, die auch in Abhandlungen von Delacroix thematisiert wurde (d. h., werden zwei Komplementärfarben, z. B. Orange und Blau, nebeneinander eingesetzt, wird die Farbwirkung intensiviert), überall in van Goghs späteren Werken anzutreffen ist. Diese Analyse von Badt legt nahe, dass es sich bei der „kalten, aber grellen“ Farbgebung, auf die Jaspers hingewiesen hatte, in Wirklichkeit um einen Komplementärfarbenkontrast handelt, der von van Gogh absichtlich eingesetzt wurde. Es ist schwierig, Badts Ansicht in diesem Punkt zu widersprechen.

Schlussfolgerung

Jaspers behauptet, dass die Änderungen der typischen Merkmale in van Goghs Werken zeitlich mit dem Voranschreiten seiner Krankheit korrelieren. Es ist jedoch keineswegs belegt, dass diese Änderungen immer als Konsequenz innerer Wesensveränderungen von van Gogh erfolgten, da es sich ebenso um das Ergebnis externer Einflüsse (etwa von anderen Malern) handeln könnte. Eine ähnliche Kritik kann auch im Hinblick auf die Analyse von Manfred in der Beeck vorgebracht werden. Beecks Ausführungen sind glaubhafter als die von Jaspers, weil er eine mehrdimensionale Analyse von van Goghs Gemälden aus drei verschiedenen Blickwinkeln durchführt (d. h. Untersuchung von van Goghs Krankheit ausgehend von Kretschmer, Analyse der Beziehung zwischen der visuellen Aura und van Goghs Bildern und Vergleich mit Bildern, die von schizophrenen Patienten gemalt wurden). Beecks Beobachtungen liefern auch starke Anhaltspunkte für die Ansicht, dass die Krankheit, an der van Gogh litt, nichts Anderes als Epilepsie war. Allerdings ist Beecks Behauptung, die auf der Beziehung von van Goghs Gemälden zur visuellen Aura beruht, nicht sehr stichhaltig, weil es keinen Nachweis gibt, dass van Gogh tatsächlich eine visuelle Aura erlebt hat oder dass er seine halluzinatorische Vision auf der Leinwand festgehalten hat, selbst wenn er solche Erfahrungen gemacht haben sollte. Deshalb ist es voreilig, das künstlerische Schaffen von van Gogh, seien es einzelne Gemälde oder sein Gesamtwerk, mit der Epilepsie zu dieser Zeit in Verbindung zu bringen. Aus den oben dargelegten Gründen muss die Bedeutung und Gültigkeit des pathographischen Ansatzes für das Studium von van Gogh und seiner Arbeiten mittels weiterer Untersuchungen aus mehreren Blickwinkeln neu bewertet werden.

Literaturnachweis

Karl JaspersStrindberg und Van Gogh Versuch einer pathographischen Analyse unter vergleichender Heranziehung von Swedenborg und  Hölderlin R. Piper & Co. Verlag München 1949
Karl Jaspers:  Strindberg and Van Gogh. Univ. Arizona P, 1982.
Manfred in Der Beeck: Merkmale Epileptischer Bildnerei mit Pathographie Van Gogh. Verlag Hans Huber, 1982.
Kurt Badt: Die Farbenlehre Von Gogh. Verlaga M.DuMont Schauberg Kön, 1961.

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