Armut der jungen Generation und Präventivmaßnahmen gegen Entwicklungsstörungen in Japan

Atsushi NAKAJIMA, Takeshi MATSUISHI

Yokohama National University, Faculty of Education and Human Sciences,
Department of Disability Studies
           


 In der 10. Auflage von Mental Retardation: Definition, Classification, and Systems of Supports gibt die American Association on Mental Retardation (AAMR)1) an, dass mentale Retardierung nicht nur durch genetische Faktoren, sondern auch durch Umweltfaktoren nach der Geburt verursacht wird. Viele der amerikanischen Fachbücher2)3) zum Thema mentale Retardierung nennen Mangelernährung als einen der bedeutendsten Umweltfaktoren im Zusammenhang mit mentaler Retardierung. In Japan durchgeführte Untersuchungen zu akademischer Leistung und Verhaltensauffälligkeiten lassen ebenfalls auf einen umnittelbaren Zusammenhang zwischen dem finanziellen Status der Eltern und der akademischen Leistung von Schülern schließen. So besteht beispielsweise eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind, das in einem Haushalt mit niedrigem Einkommen aufwächst, im Laufe seines Lebens mentale Probleme entwickelt.

 Der prozentuale Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze ist in Japan hinter den Vereinigten Staaten weltweit der zweithöchste. Aufgrund dieser statistischen Daten sind als Teil der Lösungsansätze zur Prävention von mentaler Retardierung dringend Maßnahmen erforderlich, um die Armut zu beseitigen oder zu verringern.

 Bevor man jedoch nach einer Lösung für das Problem der Armut suchen kann, muss man zunächst das Wesen der Armut und ihre Geschichte verstehen. Beaudoin4) hat zusammengefasst, wie Armut im Lauf der Weltgeschichte in verschiedenen Gesellschaften wahrgenommen wurde und wie solche Wahrnehmungen mit dem Konzept der sozialen Sicherheit koexistierten. Nach Beaudoin hat sich die Auffassung von Armut in drei chronologischen Phasen wie folgt verändert:

1. In vorneuzeitlichen Gesellschaften galt die Duldung von Armut in einer Gemeinschaft nach christlichem Glauben als Sünde. Deshalb übten die Menschen Barmherzigkeit und halfen den Armen.

2. Im Zeitalter der Entdeckungen während des 15. und 16. Jahrhunderts herrschte in Europa keine schwere, verbreitete Armut. Vielmehr entwickelte sich die Armut in dieser Zeit zu einem globalen Phänomen, da die westlichen Gesellschaften zu immer mehr Wohlstand gelangten, während Afrika die schweren Folgen des Sklavenhandels zu tragen hatte und viele südamerikanische Völker von den verheerenden Krankheiten heimgesucht wurden, die die Eroberer mitgebracht hatten, z. B. Pocken und Masern. Damit verknüpfte sich das Problem der Armut mit dem Problem des Rassismus.

3. Der Aufstieg der Industrialisierung und des Imperialismus beeinflusste die Wahrnehmung der Armut unter drei verschiedenen Aspekten. Erstens wurde durch Otto von Bismarck erstmalig ein Sozialversicherungssystem eingeführt, um den aufkommenden Sozialismus zu entkräften. Zweitens führte der Nationalismus unter imperialer Herrschaft zu einer stärkeren Forderung nach sozialer      Fürsorge und sozialer Sicherheit. Drittens wurde die Armut unter dem Einfluss des wissenschaftlichen Fortschritts im Zuge der Industrialisierung analytisch untersucht und erforscht, anstatt aus religiöser Sicht interpretiert zu werden. Der Beveridge Report, der erheblich zur Einführung verschiedener sozialer Sicherungssysteme in England während des Zweiten Weltkriegs beitrug, ist ein gutes Beispiel für eine weitreichende Studie zum Thema Armut.

 In der heutigen Gesellschaft wird erwartet, dass öffentliche Sozialversicherungssysteme Armut ausgleichen. Ein Problem innerhalb der Sozialversicherungssysteme zu finden könnte deshalb der erste Schritt sein, um das Problem der Armut zu lösen. In Japan wird Sozialhilfe in erster Linie für Ältere geleistet, während es kaum Hilfen für die in zunehmendem Maße arbeitslosen jüngeren Generationen gibt. Dieser Aspekt unseres Sozialversicherungssystems kann in Bezug auf die Armut eine negative Spirale in Gang setzen.

 Es steht zu befürchten, dass mit dem stagnierenden nationalen Wachstum in Japan eine Ausweitung der Armut einhergehen wird, da die Arbeitslosenquote unter jungen Leuten stetig ansteigt, obwohl die Älteren den weitaus größeren Anteil an der Bevölkerung stellen5). Wenn dieser Zustand anhält, wird die Stabilität Japans als Nation gefährdet. Der Trend zu hoher Arbeitslosigkeit unter den jüngeren Generationen setzt sich fort, während japanische Hersteller auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften weiter Mitarbeiter in China und anderen Nachbarländern rekrutieren. Zwar werden auch im Inland Arbeitskräfte gesucht, aber die Fähigkeiten, die diese Stellen verlangen, sind häufig zu spezialisiert für jemanden, der nur eine durchschnittliche Ausbildung in Japans öffentlichem Schulsystem erhalten hat. Der Mangel an berufsbezogenen Fachkenntnissen hat sich als gravierender Nachteil für junge Leute erwiesen, die eine Karriere aufbauen möchten.

 Die Bedeutung einer beruflichen Ausbildung wird in Japan erst jetzt nach und nach wahrgenommen. Während England das gleiche Thema erst vor kurzem in den Fokus gerückt hat6), verfügt Schweden bereits über ein praktisches Bildungssystem mit einer klaren Zukunftsvision: Die Lehrpläne der Mittelschule wurden um Ausbildungsprogramme ergänzt und Ausbildungsprogramme für höhere Schulen werden weiterentwickelt, um die sich wandelnden Anforderungen der verschiedenen Branchen zu erfüllen7). Unter diesem neuen System werden höhere Schuleinrichtungen in Schweden auch dazu genutzt, Erwachsenen, denen die nötigen Fähigkeiten für moderne Branchen fehlen, Möglichkeiten zur Weiterbildung zu bieten. Schweden demonstriert damit das Konzept des „lebenslangen integrierten Lernens“, um eine echte Wissensgesellschaft zu schaffen. Die Notwendigkeit einer ähnlichen Reform des Bildungssystems in Japan kann nicht deutlich genug betont werden.

Literaturnachweis

1)American Association on Mental Retardation: Mental Retardation-Definition, Classification and System of Support, 10th edition, 2002.
2)Mary Beirne-Smith et al.: Mental Retardation-An Introduction to Intellectual Disabilities, Seventh Edition, Pearson Education, 2006.
3)Clifford J. Drew, Michael L. Hardman: Mental Retardation-A lifespan Approach to People with Intellectual Disabilities, Pearson Education, 2004.  4)Steven M. Beaudoin: Poverty in World History, Routledge, 2006.
5)Tada,H: The history of social security system formation in Japan(in Japanese), Kouseikan, 2009.
6)Nicky Perry & David Sherlock: Quality Improvement in Adult Vocational Education and Training-Transforming Skills for the Global Economy, Kogan Page Limited, 2008.
7)CEDEFOP(Ed): Vocational Education and Training in Sweden, Dictus Publishing, 2009.

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